Aktionstag gegen den Schmerz

Schmerzmediziner warnen vor chronischer Unterversorgung

Bei Praxisübergaben drohen viele Anlaufstellen für Schmerzpatienten verloren zu gehen. Auch die weiterbildungsbefugten Experten werden knapp, warnt die Deutsche Schmerzgesellschaft.

 

Die Deutsche Schmerzgesellschaft beklagt gravierende Defizite in der ambulanten Versorgung von Schmerzpatienten. Beim Aktionstag gegen den Schmerz am Dienstag mahnte der Präsident Professor Winfried Meißner von der Uni Jena dringend Handlungsbedarf an.

 

Der Knackpunkt: Die Ausbildung zum Schmerzmediziner ist eine Zusatzweiterbildung, keine Facharztweiterbildung. Kommt es zum Beispiel zu einer Praxisübergabe eines Neurologen mit der Zusatzbezeichnung „Spezielle Schmerztherapie“ an einen Kollegen ohne diesen Zusatz, geht eine weitere Anlaufstelle für Schmerzpatienten verloren – und die Zahl der Verluste steigt.

 

„Ambulante Versorgung ließe sich im Rahmen der Bedarfsplanung über KVen sicherstellen, auch bei der Nachbesetzung von Arztpraxen“, gab sich Meißner überzeugt. Kreative Lösungen, etwa in Schleswig-Holstein, sind aus seiner Sicht durchaus vorhanden.

 

Permanente Überlastung droht

Die Regelung der Praxisnachfolge sei von großer Bedeutung, ansonsten fehle es sowohl an Therapeuten für die Patientenversorgung als auch an weiterbildungsbefugten Experten für die Nachwuchsarbeit. „Schmerzmedizin ist ein interdisziplinäres Fach, diese Defizite passen nicht in die Philosophie einer guten schmerzmedizinischen Versorgung“, kritisierte Meißner.

 

Was diese Unterversorgung im ländlichen Bereich – zum Beispiel in Ostfriesland – konkret bedeutet, erläuterte der niedersächsische ABDA-Landeschef (ABDA = Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V.) Berend Groeneveld aus Norden: Die einzige schmerzmedizinische Praxis vor Ort sei permanent überlastet. Um eine zeitnahe Versorgung sicherzustellen, müssten die Patienten weite Wege in Kauf nehmen, bis nach Münster oder sogar bis ins 360 Kilometer entfernte Kiel. „Der Leidensdruck ist immens“, sagte Groeneveld, „und die Menschen sind dankbar für diese Option, aber hier stimmt etwas nicht“.

 

Defizite auch im stationären Bereich

Defizite sieht die Deutsche Schmerzgesellschaft aber auch im stationären Bereich. Sie appelliert an die Gesundheitsminister von Bund und Ländern, auch auf Landesebene ihre Hausaufgaben zu machen: So müssten bei der Landeskrankenhausplanung Schmerzbetten explizit ausgewiesen werden. Außerdem müsse sichergestellt sein, dass in mehr Kliniken als bisher eine interdisziplinäre Versorgung stattfindet, die mit der ambulanten Nachbehandlung stärker verknüpft ist.

 

Die Gesellschaft weist darüber hinaus auf einen GBA-Beschluss hin, nach dem alle Kliniken und ambulant operierenden Praxen dazu verpflichtet sind, ein Konzept zum Akutschmerzmanagement als Bestandteil ihres internen Qualitätsmanagements vorzuweisen. Auch hier wird eine unbefriedigende Umsetzung des Beschlusses beklagt. So sollen Krankenhäuser laut GBA beispielsweise Akutschmerzdienste mit pflegerischen und ärztlichen Experten vorhalten – derzeit ist das aber nur bei zwei Drittel der Kliniken der Fall.

 

Jeder vierte Erwachsene betroffen

Am 1. Juni fand der 10. bundesweite „Aktionstag gegen den Schmerz“ statt – mit Blick auf die Tatsache, dass mehr als jeder vierte Erwachsene in Deutschland an chronischen Schmerzen leidet. Die Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. und ihre Partnerorganisationen, zu denen auch UVSD SchmerzLOS e. V. zählt, ziehen traditionell gemeinsam an einem Strang, um auf die immer noch lückenhafte Versorgung aufmerksam zu machen.

 

Bundesweit gibt es in etwa 150 Praxen und Kliniken, in Apotheken sowie Pflegeeinrichtungen Aktionen – viele davon als Online-Veranstaltungen.

 

 

Quelle: aerztezeitung.de